Was wäre wenn…

Vielleicht nicht die beste Art einen neuen Artikel nach so langer Zeit zu beginnen aber in meinem Kopf ist seit einigen Stunden genau diese Frage überpräsent.

Ich wurde heute am späten Nachmittag Zeugin eines recht schweren Unfalls mit 4 Fahrzeugen und 13 leicht bis mittelschwer Verletzten. Ich hatte Kinderfrei und war auf dem Heimweg nach dem ich den Tag mit meiner besten Freundin verbracht hatte. Auf dem Heimweg hatte ich es sehr eilig, denn meine Mutter berichtete am Telefon das es den Knödels nicht so gut ginge. Ich versprach mich zu beeilen und fuhr los. Ich hatte gut 2/3 der Strecke zurück gelegt als mich 3 Autos überholten. Ich fuhr offenbar nicht schnell genug doch das störte mich nicht, zwar wollte ich schnell zu meinen Kindern doch auf dem Stück der Bundesstraße lohnt es sich nicht immer so extrem zu beschleunigen da alle paar Kilometer wieder eine Begrenzung der Geschwindigkeit ansteht. Ich hing meinen Gedanken nach als es plötzlich knallte und dann 2 Fahrzeuge vor mir ein Auto durch die Luft flog.

Sofort fuhr ich rechts ran, rannte los und begann mit 2 weiteren Zeugen die Verletzten zu bergen. Mein Kopf war wie leer gefegt, ich handelte nur noch. Insgesamt mussten 13 Personen aus den teilweise völlig zerstörten Fahrzeugen befreit werden. Es standen viele Passanten herum als ich von einem Verletzten zum anderen ging um mir einen Überblick zu verschaffen damit ich wusste wer am dringensten professionelle Versorgung durch mich als Krankenschwester benötigte, ich handelte dabei völlig kontrolliert und beherrscht als täte ich das jeden Tag. Als Rettungsdienst und Notärzte eintrafen machte ich eine schnelle Übergabe an die Kollegen und zog mich zurück um meine Eltern über meine Verspätung zu informieren. Danach wartete ich darauf meine Zeugenaussage bei der Polizei zu machen und darauf das die Straße freigegeben wurde damit ich heim fahren konnte.

Langsam kam mein Verstand zu mir zurück und mir wurde klar: es hätte auch mich treffen können wäre ich nur etwas schneller gefahren. Doch dann verdrängte ich den Gedanken und machte Platz für einen der mir gerade noch viel schwerer auf dem Gemüt liegt:

Was hätte ich getan wenn ich die Knödels mitgehabt hätte? Wäre ich genauso selbstlos losgezogen um den Verletzten zu helfen? Was hätte ich mit den Kindern gemacht? Wie hätten sie das erleben müssen? Wie soll ich nur die Verletzten versorgen wenn ich doch eigentlich meine Aufmerksamkeit auch bei meinen Kindern hätte haben müssen?

In meinem Kopf hätte ich wohl meine Kinder an der Hand mit mir geführt, sie mit der einen gehalten und mit der anderen hätte ich geholfen, aber so besonders effektiv wäre das wohl nicht. Im Auto lassen, ungeschützt und allein mit den Bildern konfrontiert, nicht wissend was da los ist? Das ist für mich die schlimmere Alternative. Hätte ich vielleicht gar nichts getan? Wohl kaum. Oder hätte mein Gehirn die beiden einfach ausgeblendet und hätte wie hunderte Male trainiert einfach nur gehandelt? Viele Fragen keine Antworten. Ich bin überglücklich das ich sie nicht dabei hatte und diese Fragen nicht beantworten kann.

Wart ihr schon einmal in so einer Situation MIT den Kindern? Wie habt ihr das gelöst? Das würde mich mal wirklich interessieren. Nicht helfen ist für mich als Krankenschwester im übrigen keine Option, ich wurde dafür ausgebildet Menschen als Ersthelfer im Zweifel das Leben zu retten und bin dazu verpflichtet zu helfen.

 

Geschockte Grüße Ela

Leben und arbeiten am Limit

So würde ich es beschreiben, wenn mich jemand fragen würde wie ich meinen Job als Krankenschwester empfinde. Das sehe nicht nur ich so, sondern auch viele meiner Kollegen, und besonders deutlich wird das derzeit wieder, wenn man die Medien zum Thema „Pflege“ aktuell verfolgt. Eine Welle der Empröung schwappt durch die virtuelle Welt und Kollegen aus ganz Deutschland twittern zum Thema #pflegenot und #pflexit. Und bei letzterem bin ich dabei.

Ich steige aus, ich will und kann nicht mehr. Obwohl ich einen super Arbeitgeber habe und meinen Beruf wirklich liebe, ihn gerne gemacht habe und auch ein bisschen Karriere gemacht habe, beende ich meine Laufbahn als Krankenschwester.

Dieser Beruf ist für mich unvereinbar mit meinen Kindern als alleinerziehende Mutter, wenn ich an meinen Erziehungsgrundsätzen festhalten will. Ich sehe mich nicht in der Lage beides gut zu machen und entsprechend meiner Vorstellungen zu agieren. Weder im Beruf noch zu Hause kann ich mir weniger als 100% erlauben. Ich muss jederzeit voll da sein, wenn ich arbeite, konzentriert sein und frei für die Belange meiner Patieten und Kollegen. Und ich will das gleiche für meine Kinder. Ich will ihre Mama sein und nicht die Frau die ständig nur in Eile ist, mit den Gedanken woanders, weil das Gewissen nagt, in der Annahme wieder nicht genug getan zu haben, zu wenig Zeit für Frau Müller gehabt zu haben. Ich will meine Kinder nicht mitten in der Nacht aus den Betten reißen, sie zu einer Tagesmutter bringen, zur Arbeit hasten, unausgeruht meinen Dienst verrichten und zurück hasten, weil die Kita bald schließt. Ich will mich nicht mehr unter Wert verkaufen, meine körperliche und geistige Gesundheit wegwerfen für ein System das immer mehr ins wanken gerät und irgendwann unter geht. Und am allerwenigsten will ich mit dem System untergehen oder mich an der Schuld beteiligen, davon gewusst zu haben aber nichts gesagt zu haben.

Seit 12 Jahren bin ich Krankenschwester und seit 12 Jahren gehen die Pflegekräfte auf die Straße, doch nie hat jemand hingehört oder hingesehen. Es müssen erst Beiträge aus dem Bereich des Sensationsjournalismus veröffentlicht werden um auf die Missstände aufmerksam zu machen. Das alles ist zwar schlimm, doch noch schlimmer ist das Bild das die Gesellschaft von Pflegern hat. Da heißt es, das kann jede Hausfrau ohne Ausbildung genauso gut, wir würden uns am Leid der alten und kranken Dumm und Dämlich verdienen, wir sollten einfach unsere Arbeit besser machen und dann würde es schon gehen.

Das zeigt sehr deutlich, welchen Stellenwert die Pflege und die Menschen die Pflegen haben. Wir dürfen nix Kosten, die Pflege darf nix kosten, und wir dürfen uns auch nicht beschweren, denn das bisschen Hintern wischen kann ja jeder.

Aber soll ich euch mal was verraten: mitm abgeputzten Hintern ist das Thema Pflege noch längst nicht erledigt. Die meisten wissen überhaupt nicht was alles zu unserem Berufsalltag gehört und ahnen nicht mal, das viele von uns Tag für Tag mit einem Bein im Knast stehen. Wir tragen Verantwortung für die uns anvertrauten Leben, wir stehen als Vermittler zwischen Ärzten, Therapeuten und Angehörigen. Wir sind die, die alles tragen und wir sind die ersten, die alles abbekommen wenn etwas nicht entsprechend der Erwartungen läuft. Wir sollen 24/7 da sein, freundlich sein, ein Lächeln auf den Lippen haben und für unsere Patienten ein offenes Ohr haben. Wir sollen aus einer Hand voll weißer Pillen die bennen, die für das Entwässern zuständig ist, weil Herr Meyer die nämlich doof findet und nicht nehmen will, wir sind die die ihn dennoch davon überzeugen sie zu nehmen. Wir sind die, die euch den Arsch retten. Eure Sorgen anhören und ernst nehmen, die euch Pflegen und Umsorgen wenn ihr es selber nicht könnt. Wir ersetzen Augen, Ohren und Sprache, wir verlängern die Arme und Beine unserer Patienten, wir nehmen sie ein Stück mit auf ihrem Lebensweg und begleiten sie so weit wie es nötig ist. Wir begleiten Heilung und wir begleiten den Prozess des Sterbens. Wir erhalten in jeder Lage ein Stück Menschenwürde aufrecht.

Ihr seht, ein sauberer Hintern ist nicht alles. Und ich bezweifel doch sehr, dass das etwas ist, das jeder kann. Medizinische Daten, Fachwissen und das drumherum kann jeder lernen, doch nicht jeder kann das gelernte auch empathisch und Menschenwürdig anwenden und umsetzen. Und genau da liegt die Besonderheit von Kranken- und Altenpflegern. Sie können das.

Wie ich schon schrieb: ich liebe meinen Beruf, ich liebe die Medizin, meine Azubis nennen mich Elapedia weil sie mich wirklich alles Fragen können und ich in der Regel eine Antwort weiß, ich liebe die Arbeit mit den Azubis, ihnen die Feinheiten unseres Berufs nahezubringen, zuzusehen wie aus ihnen tolle Kollegen werden, ich liebe die mentale Anstrengung ein Problem zu lösen, das Gedankenspiel beim betrachten der Diagnosen und der Medikamentenpläne, ich liebe das schreiben von Pflegeplänen und die interdisziplinäre Zusammenarbeit, ich liebe meine Kollegen.  Wirklich. Aber ich liebe meine Kinder und mein Leben mehr.

Auf Wiedersehen, liebe Pflege, es waren tolle 12 Jahre, ich habe viel gelernt und mitgenommen. Sei Stark und gehe mit hoch erhobenem Kopf aus der Krise hervor und zeige, das du nicht austauschbar bist.

Ihr seid stark!