Rock’n’Roll Mum

Heute habe ich einen Gastbeitrag von meiner lieben Freundin und Arbeitskollegin Inga, die beschreibt wie sich ihr Leben verändert hat seit sie Kinder hat.

Aber lest selbst:

Erst mal ein paar Eckdaten zu meiner Person und Familie: Ich höre auf den Namen Inga (inzwischen auch auf Maaamaaa), bin 37 Jahre alt und Mutter zweier Minirebels im Alter von kurz vor 5 und 20 Monaten. Seit über 15 Jahren tummele ich mich in der Welt des Rockabilly/ Psychobilly und auch die Skinhead und Scooterszene liegen mir am Herzen. Meinen Lebensunterhalt bestreite ich als Krankenschwester. Mein Mann ist 34 und ebenfalls in der Rock`n`Roll- und US-Car-Szene verwurzelt.

Wie vermutlich jede werdende Familie, waren mein Mann und ich in der ersten Schwangerschaft so naiv, zu glauben, dass man auch mit Kind sein (sub)kulturelles Leben weiter leben könne. Nur eben dann zu dritt.

Was war das nur für ein Irrtum…
Auch wir sind mit der Geburt des ersten Minirebels eines Besseren belehrt worden. Und mit der Geburt des Zweiten wurde es noch komplizierter. Plötzliches Fieber, Zahnen, Schübe und Sprünge haben auch uns so manchen geplanten Abend streichen lassen.

Im Gegensatz zu „nicht subkulturellen“ Eltern sind wir aufgrund der geringeren lokalen Veranstaltungsdichte oftmals mit sehr langen Anfahrten konfrontiert. In den Stillzeiten mit beiden Minis waren Konzerte, die weiter als 30 Minuten entfernt waren, gar nicht realisierbar. Wir wären angekommen und hätten gleich wieder nach Hause fahren können…

Mit den US-Car-Treffen gestaltete es sich in der Regel etwas einfacher, da wir die Minirebels mitnehmen konnten und können. Bald sind beide alt genug, dass wir auch wieder ganze Wochenenden auf den Treffen verbringen können. Im Großraumfamilienzelt. So lange sie das noch wollen….

Wie hat sich die Mutterschaft nun auf mein subkulturelles Leben ausgewirkt?
Musikalisch betrachtet ist mein Szeneleben quasi erloschen, wenn es um Livemusik geht. Entweder sagt der Dienstplan, dass es nicht geht oder einer der kleinen Minirebels hat einen hinterhältigen Plan ausgeheckt, um uns doch zuhause bleiben zu lassen. Musik gibt es also nur vom Tonträger.

Das letzte Konzert habe ich vor 2 Jahren mit Minirebel2 im Bauch besucht… Dank des www bleibe ich aber zumindest am Ball.
Sofern es die Zeit zwischen Arbeit, Kinder zur Betreuung bringen und dort abholen, Haushalt, Bambini-Fußball und anderen gesellschaftlichen Verpflichtungen zulässt, kleide, frisiere und schminke ich mich weiterhin „rock`n`rollig“. Wobei die High Heels Sambas, Chucks und Doc Martens gewichen sind. Kleider und Röcke hängen inzwischen mehr im Schrank und Jeans sind quasi meine zweite Haut geworden. Lediglich Shirts und Tops liefern weiterhin Rückschluss auf meine „Szenezugehörigkeit“. Inzwischen besitze ich sogar eine Softshelljacke, weil sie so herrlich unempfindlich ist. Und ich habe mich so lange dagegen gewehrt…

Durch das Nähen von Babysachen bin ich zum Vintagenähen gekommen. Ich habe für mich schon einige schöne Kleider genäht – die aber auch mehr Zeit im Schrank als an der Frau verbringen. Aber wenn die Rebels größer sind werden sie aus dem Schrank dürfen. Bis dahin werde ich vermutlich eine seeehr gute Auswahl hergestellt haben.

Um realistisch zu sein: da das Styling eh innerhalb kürzester Zeit schnodderigen Nasen und schokoladig-klebrigen Fingern zum Opfer fällt, spare ich mir (zu) oft den Aufwand und es gibt Pferdeschwanz, ein leichtes MakeUp und Klamotten, die auch ne 60°-Wäsche vertragen… Trotzdem bin ich im Kindergarten eine der auffälligsten Mütter. Und mein Minirebel ist da sehr stolz drauf.
Was ich weiterhin mit Begeisterung besuche sind die US-Car-Treffen. Weil das mit den Kindern angenehm unkompliziert ist. Da müssen sie es dann auch in Kauf nehmen, dass sie ebenfalls rock`n`rollig angezogen werden (so lange sie noch nicht zu eigensinnig sind).

Ich betrachte mich definitiv weiterhin als Teil der Szene. Aber aktuell eher auf Standbymodus und sehr zuhause und mehr im Alltag. Ich liebe Vintagemöbel und deren Restauration. Entsprechend ist unsere Einrichtung. Unsere Kinder sind musikalisch eindeutig geprägt:warum benennt Minirebel1 Demented are Go sonst als seine Lieblingsmusik? Die Musik im “normalen Radio” findet er zu 99% “voll doof”, weil sie “nicht cool” ist. Wir leben zur Zeit unsere Subkultur in der Häuslichkeit und der Familie. Die Minirebels werden größer werden und ich bekomme wieder mehr Raum für mein „Nichtmamaleben“.
Ja. Die Kinder haben einen großen Einfluss auf mein subkulturelles Leben. Manchmal lässt mich das melancholisch werden, wenn ich ein Tour-Tshirt in der Hand habe oder Fotos „von früher“ sehe. Ich gebe auch zu, dass ich diese Zeiten und dieses Leben vermisse. Manchmal. Vieles war einfacher, unbeschwerter. Meine Rolle war einfacher definiert. Ich war mir meiner selbst sehr viel sicherer.
Aber ein feuchter Kuss, eine sandrieselnde Umarmung, eine kleine dreckige Hand, die sich vertrauensvoll in meine legt, ein verschwitzter Lockenkopf, der an meiner Brust einschlummert, ein nur für mich gepflücktes Gänseblümchen lassen mich diese Melancholie dann vergessen. Und ich denke mir: „Ich bin jetzt eine Mama. Aber eine Rock`n`Roll-Mama.“

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