Meine Mama… Stets zu diensten?

Meine Mama gibt ihr letztes Hemd für die Knödels und für mich. Wenn sie es möglich machen kann hilft sie mir wo immer es geht. Und ich bin darüber mehr als glücklich. Schließlich habe ich lange genug allein mit der ganzen scheiße rumgeiert. Tatsächlich könnte ich nicht dankbarer sein. Umso entsetzter war ich als ich festellen musste das es scheinbar für selbstverständlich gehalten wird das Oma hilft wenn es brennt. Aber nur eine Oma. Die Oma mütterlicherseits hat zur Stelle zu sein, nicht die Schwiegermutter. Hier wird sogar mit nur über meine Leiche argumentiert.

Liebe Oma bitte komm, lass alles stehen und liegen und scheiß auf dein Privatleben…

Ein, zugegeben, überspitzter Hilferuf aber gar nicht so weit entfernt von der Erwartungshaltung gegenüber unserer Mütter. Wenn es uns schlecht geht wollen wir eins: Mama. Egal wie. Ist ja auch logisch eigentlich. Den wichtigsten Teil unseres Lebens war sie da, hat uns umsorgt und alles für uns gegeben. Wir haben gelernt das wir uns auf unsere Eltern, insbesondere auf unsere Mütter verlassen können. Und insgeheim wissen wir das auch wenn wir erwachsen sind und selber Kinder haben. Denn Enkel sind ja quasi das tollste was es gibt. Man kann sie lieb haben wie die eigenen Kinder und weg geben wenns sie schmutzig sind und müffeln oder schlecht gelaunt. Ja das Leben als Oma ist schon entspannter als das einer Mama und unsere Mütter haben ja auch lange darauf gewartet… Sie sind nicht mehr so jung und fit wie damals als sie selber frisch Mutter waren.

 

Erwartungshaltungen und Enttäuschungen

Ich habe in der letzten Zeit von vielen gelesen die diese Hilfe seitens ihrer eigenen Mutter förmlich erwarten und einfordern. Sie sind enttäuscht wenn die eigene Mama dieser Erwartung nicht entsprechen können oder wollen. Das empfinde ich befremdlich wenn ich ehrlich bin. Hilfe ist innerhalb einer Familie natürlich obligatorisch, sofern die Familie keine größeren internen Probleme hat. Aber diese Hilfe ist freiwillig und keine Pflicht nur weil man zufällig verwandt ist. Die Zeit in der wir selbstlose, bedingungslose Hilfe von unseren Eltern, insbesondere unsere Mütter, erwarten können ist eigentlich vorbei. Wir haben eigene Familien und müssen lernen unser eigenes Netzwerk zu gestalten und nicht vollumfänglich auf unsere Eltern zu vertrauen.

 

Die Kinder sind aus dem Haus! Hallo Privatleben…

 

Wenn wir dem elterlichen Nest entwachsen sind bekommen unsere Eltern das zurück was sie viele Jahre nicht hatten: Freiheit! Sie haben die Freiheit zu machen was sie wollen, wann sie wollen. Sie haben ihre Jobs, stehen mit beiden Beinen tief verwurzelt in der Erde, sind finanziell in der Regel unabhängiger als vor uns. Sie können ihre Bedürfnisse stillen, ihre Wünsche erfüllen und völlig selbstbestimmt Entscheidungen treffen. Nach den vielen Jahren der Fremdbestimmung sollten wir unseren Eltern diese Freiheit, ihr neugewonnenes Privatleben und ihre freien Entscheidungen zugestehen. Und auch ihr Nein müssen wir akzeptieren lernen aus all diesen Gründen. Sie haben es verdient nicht mehr immer für uns zu springen wenn wir piepsen ( und werden es dennoch auf genug tun). Sie dürfen sagen: heute nicht, vielleicht morgen oder in 2 Tagen. Es ist kein Grund enttäuscht zu sein, auch wenn es schwer ist. Die Hilfe unserer Eltern ist ein privileg das viele andere nicht haben, weil sie hoffnungslos zerstritten sind, weil sie zu weit weg leben oder…. Weil die eigenen Eltern tod sind…

 

Unsere Eltern leben nicht für immer

 

Traurig aber wahr: irgendwann werden sie alt sein, krank sein und sterben. Früher oder später wird keiner mehr da sein um zu helfen,  zu trösten und alles stehen und liegen zu lassen. Das klingt hart, unfair und traurig. Aber es ist eine unausweichliche Tatsache. Wir müssen lernen die kleinen und größeren Katastrophen ohne die Hilfe unserer Mutter zu bewältigen und ich bin dafür das wir es lernen und uns ein Netzwerk schaffen bevor es zu spät ist. Denn dann bleibt mehr Zeit für gemeinsame Erlebnisse, tolle Gefühle und Erinnerungn. Warum sollten wir das mit Groll und Enttäuschung überschatten? Warum müssen wir die Beziehung zu unseren Müttern mit Erwartungen belasten?

 

Um Hilfe bitten ist großartig!

 

Nicht das ihr jetzt glaubt ich bin dagegen das ihr um Hilfe bittet. Im Gegenteil! Zu erkennen das man seine eigenen Grenzen erreicht hat ist toll und um Hilfe zu bitten ist oft sehr schwer. Ohne die Hilfe meiner Mutter stünde ich bis zum Hals im Chaos, wäre am Ende meiner Kräfte. Meine Mama ist echt Gold wert. Aber ich weiß auch das ich meine Mama jederzeit verlieren könnte, denn sie ist leider nicht mehr so fit und vor einigen Jahren bereits auf der Intensiv gelandet weil sie am Ende war. Bis dahin hat sie immer ALLES für alle gegeben und nie um Hilfe gebeten, sie hat nie nein gesagt, egal was man von ihr wollte. Wenn ich sie um Hilfe bitte dann weiß ich, das sie auch nein sagen kann, ich verlange es sogar zeitgleich wenn ich weiß das es ihr nicht gut geht. Und ich gebe ihr auch die Option nein zu sagen. Oftmals hilft nämlich auch schon das Gespräch darüber wie scheiße schwer es ist und wie satt man das alles hat und am Ende des Gesprächs geht es einem etwas besser und man weiß: Wenn Mama zeit findet, dann wird sie kommen. Mit Schokolade, Cappuccino und Hilfe, doofen Sprüchen, etwas zu essen oder den Medikamenten aus der Apotheke. Auch ohne das man das erwartet.

 

Was will ich überhaupt von euch?

 

Ich möchte das ihr eure Erwartungshaltung gegenüber eurer Mütter überdenkt. Gesteht ihr zu nein zu sagen und akzeptiert das. Sie wird tun was sie kann um euch zu helfen aber nicht immer sofort und genauso wie ihr das wünscht. Eure Mütter haben einen großteil ihres Lebens für euch gegeben, sie haben es gerne getan aber es ist an der Zeit eurer Mutter das zuzugestehen was ihr euch selber auch wünschst: Die Wahl zu haben selber zu entscheiden. Eigene Bedürfnisse über die der (erwachsenen) Kinder zu stellen oder auch nur den profanen Wunsch sich nicht anzustecken oder mal auszuschlafen.

Eine Familie lebt vom Geben und Nehmen von allen Mitgliedern einer Familie. In einer Familie haben alle Bedürfnisse Gewicht. Keins ist wichtiger oder unwichtiger. Eine Familie zu sein heißt auf Augenhöhe für einander da zu sein, ohne Erwartungen und ohne Enttäuschung.

 

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7 Gedanken zu “Meine Mama… Stets zu diensten?

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