DIE Zwillinge oder doch Einzelstücke?

Als Zwillingselter steht man immer zwischen den Stühlen, man neigt dazu seine Kinder als Einheit zu betrachten, je enger die biologische Verbindung ist, desto stärker ist das Verlangen sie als Einheit zu betrachten. Auch ich bin davon nicht frei, so bezeichne ich meine beiden oft mit einem gemeinsamen, betitelden Wort, derzeit “ die Knödels“, das ist schlicht kürzer und handlicher als die beiden je mit ihren Namen zu benennen.

Glücklicherweise hört da bei mir das Einheitsdenken schon auf. Ich sehe meine Kinder als das was sie sind: Perfekte kleine Individuen, Einzelstücke und kaum vergleichbar aber eben doch mit dem gewissen „Zwillingsextra“ wenn man so will.

Bereits kurz nach der Geburt zeigten sich deutliche Unterschiede, Motte war zunächst das unkomplizierte, anfängertaugliche Baby, wenig schreien, viel schlafen. Knödel war das Sorgenkind von der ersten Minute an. Das blieb er auch fast ein Jahr lang.

Motte ist ein sehr neugieriges Wesen, sie will alles entdecken, steht sich aber gerne selbst im Wege wenn etwas haptisch speziell ist ( Rasen und Sand waren lange Zeit ganz schlimm für sie), sie geht mutig auf Forschungsreise und ist auch sehr glücklich ohne mich. Doch das mit dem Anfängerbaby ist vorbei, sie hat das Temprament von, keine Ahnung von wem, ich war NIE so^^, sie liegt brüllend zwischen Autos, wirft sich theatralisch weinend nach hinten und weint die dicksten Wuttränen die ich je sah, ihr Lieblingswort ist NEEEEIN, gefolgt von AALEINEEEE. Sie ist sehr autonom, entdeckungsfreudig aber immer sehr vorsichtig dabei, man könnte sagen ressourcen-schonend.

Knödel ist auch sehr neugierig, aber anders als Motte. Ihm machen haptische Eindrücke wenig aus. Er ist waghalsig und wild, aber hat auch viele Momente großer Angst ( Schwimmbäder und Tiere die größer sind als Katzen, Hunde und Kühe machen ihn fertig), er benötigt ebenso viele Kuscheleinheiten wie Pflaster ( vor denen er auch Angst hat). Er ist laut, er quatscht den ganzen Tag, er ist weniger autonom, weniger aufbrausend, ein kleiner Charmeur.

Neben den charakterlischen Unterschieden ist es bei den Knödels natürlich relativ einfach sie individuell zu betrachten, sie sind nicht nur ein Pärchen, sie sehen sich auch so gut wie gar nicht ähnlich. Während Motte eine beachtliche Haarpracht zeigt in einem dunklen Blond, und eine typische „Babyspeck“ Figur hat ist Knödelchen weiß-blond, seine Haare wachsen spärlich und viel fester als wie weichen Haare von Motte. Er hatte nie diese Babyfigur. Er ist schon immer sehr schlaksig.

Auch ihre Interessen unterscheiden sich deutlich von einander. Obwohl jeder tun kann was er mag und ich keinerlei Geschlechtsspezifizierung betreibe, fühlt Motte die „Mädchenrolle“ aktuell voll aus. Sie liebt Taschen, Puppen und das Malen von Bildern, bei der Kleidung bevorzugt sie Kleider und Röcke ( das passt mir auch ganz gut, ist leichter beim Trocken werden 😉 ) Schmutzige Hände, nasse, verschmutzte Kleidung? Nicht mit Motte. Sie mag das nicht und besteht auf umgehende Änderung. Knödelchen steht total auf Maschinen: Trecker, Laster, Autos? Total geil. Es gibt nichts was ihn mehr begeistert. Den Garten umpflügen, mit Bällen spielen? Ja klar. Malen? Oh neee lass mal. Hat er keinen Bock drauf. Kuscheltiere und Puppen dienen lediglich als Passagiere für Fahrzeuge jeglicher Art.

Doch trotz der vielen Unterschiede gibt es Dinge die beide gerne mögen: Bücher, Bücher, Bücher und noch mehr Bücher. Davon können beide nicht genug bekommen. Ebenso teilen beide ihre Vorliebe für Dinosaurier ( MÜÜÜÜNUUUUU) und Duplosteine. Das wars dann auch schon.

Warum ist das anerkennen von Individualität so wichtig?

Nur so können Kinder ihre Persönlichkeit, ihre Interessen und Wünsche voll ausbilden und ausleben. Versucht man eine Einheit ( künstlich) zu schaffen, so wird sich der weniger dominante Zwilling immer dem dominanteren anpassen und ist nicht in der Lage sich selber zu entfalten, was langfristig einen nicht unerheblichen Einfluß auf das Leben der Kinder hat, auf den Selbstwert, die Eigenständigkeit und das berücksichtigen eigener Wünsche und Bedürfnisse.

Glücklicherweise ändert sich die Sicht auf Zwillinge zunehmend: gleiche Kleidung ist zwar gelegentlich ganz niedlich aber nicht mehr obligatorisch. Eltern gestehen ihren Kindern getrennte Wege zu. Das Zwillingsding ist keine große Sache mehr ( außer die Kinder machen es von sich aus).

Doch was tun wenn die Twins in die Kita oder Schule kommen? Gemeinsame Gruppe oder Klasse? Trennen? Was nun?

Da ich leider nicht wirklich was brauchbares an Informationen finden konnte ( und auch nicht so sehr gesucht hab), möchte ich mal meine Gedanken dazu mitteilen:

Ich bin PRO gemeinsame Gruppe oder Klasse! Neben den Eltern ist das Geschwister die wichtigste und wahrscheinlich engste Bindungsperso auf der Welt. Neue Bindungen ( zu Erziehern oder Lehrern) können nur entstehen wenn sich die Kinder sicher fühlen. Die Trennung von der Mutter erachte ich als schmerzvoll genug, den Zwilling gleich mitzuentfernen? Für mich undenkbar grausam. Natürlich gibt es die Frage ob die Doppellinge sich dann überhaupt auf neue Kontakte und Bindungen einlassen, doch ich bin sicher: lässt man sie Individuell sein, haben sie einer sichere Bindung zu den Eltern, ist die Eingewöhnung geglückt, dann stellt sich diese Frage überhaupt nicht. Später, zum Beispiel wenn es zu einer weiter führenden Schule geht, würde ich grundsätzlich die Wünsche meiner Kinder berücksichtigen ob sie gemeinsam oder getrennt weiter machen wollen.

 

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6 Gedanken zu “DIE Zwillinge oder doch Einzelstücke?

  1. Toller Artikel – und was den letzten Absatz betrifft bin ich voll Deiner Meinung!!
    Bei uns stellte sich die Frage zum Trennen gar nicht.

    Ich würde mich total freuen, wenn Du Dich mit diesem Artikel noch bei meiner Blogparade verlinkst…!

    Liebe Grüße
    Anna

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  2. Wir haben auch ein Pärchen und unsere sind genauso unterschiedlich 😊 Bei Trennungen gibt’s immer grosse Tränen – Vor allem beim weniger dominanten Kind… Wie ist das bei Euch?
    In der KITA sind sie in derselben Gruppe. Dort zeigt sich, dass sie ihre individuellen Interessen voll ausleben und getrennt spielen, aber gerne bei gemeinsamen Aktivitäten bei einander sitzen (Essen, singen, etc). Ich bin darum froh, dass sie gemeinsam in der KITA sind. Wie das bei eineiigen Zwillingen ist, wäre spannend. Wobei ich von einer Erziehen gehört habe, dass die anderen Kinder sie besser auseinander halten können als Erwachsene 😉

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    • Das dominantere Kind leidet mehr bei Trennungen. Kita bzw Krippe sind derzeit kein Thema und wird es hoffentlich auch nicht. Leider habe ich gerade keine Mama mit so großen Monos die ich Fragen könnte das wäre aber mal ein interessanter Ansatz, da gebe ich dir recht.

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  3. ich bin selber ein Zwilling (in unserem Fall 2 Mädchen ;-)) und ich teilte bis zur Matura immer die Klasse etc. mit meiner Schwester. Für uns war es rückblickend im Kindergarten und Volksschule die richtige Entscheidung, ab der höheren Schule aber ein ständiger Kampf gegen das Vergleichen (von Seiten der Lehrer („Warum hast du Schwierigkeiten den Lehrstoff zu verstehen, deine Schwester aber nicht?“), der Klassenkollegen und leider auch der eigenen Eltern (siehe Aussage Lehrer)). Wir wurden damals aber auch nicht gefragt, ob wir gerne getrennte Klassen/ Schulen besuchen möchten – wobei wir beide auch ganz unterschiedliche Neigungen bzw. Interessen hatten (ich war immer eher der „Kopftyp“, meine Schwester sehr stark künstlerisch veranlagt.
    Ebenso war es (für uns) schwieriger Freundschaften zu knüpfen, da man immer als „Einheit“ betrachtet wurde & es natürlich auch eine enge Bindung aneinander gab. Wobei auch hier dies von den eigenen Eltern forciert wurde („Ihr habt doch einander, da braucht ihr euch doch nicht von anderen Freundschaften „abhängig“ zu machen.“). Aus der Schulzeit gibt es daher nur 1-2 Freundschaften die noch heute (bin mittlerweile Anfang 30 ;-)) bestehen. Hätte ich selbst Zwillinge (bisher aber „nur“ 1 Kind ;-)), würde ich sie nach der Volksschule in getrennte Schulen gehen lassen bzw. mindestens in getrennte Klassen. Aber mein Beispiel ist vielleicht auch sehr durch das Elternhaus geprägt und du betrachtest deine Kinder ja bereits als das was Zwillinge nun auch sind: 2 eigene Persönlichkeiten mit Stärken und Schwächen und unterschiedliche Interessen, die aber auch vieles (nicht nur das Alter :-)) gemeinsam haben.

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    • Oh wie toll, ich danke dir von Herzen für deinen ausführlichen Kommentar! Ich werde ihn gleich mal auf meiner Seite posten, denn das interessiert viele Eltern garantiert! Falls du mal aus dem Zwillingsnähkästchen plaudern willst: schreib mich doch bei FB an 🙂 Liebe Grüße ❤

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