Wie ich Muttertier wurde… Teil 2

“Geboren wird nicht nur das Kind durch die Mutter, sondern auch die Mutter durch das Kind.” Gertrud von le Fort (1876-1971)

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Immer wieder merke ich, dass viele Menschen die mir in den verschiedenen Netzwerken folgen ein völlig anderes Bild von mir haben, als ich es selber habe. Niemanden wundert es das ich Langzeitstillerin bin, spontan Geboren habe, im Familienbett schlafe, einen Faible für Tragetücher habe und in Zukunft sogar mit Müttern und ihren Babys arbeiten werde.

In Teil 1 habe ich euch über mich erzählt, über das „Ich“ von früher. Geendet habe ich im Januar 2014 mit einem positiven Schwangerschaftstest. Hier werde ich euch von meiner Wandlung berichten.

Ungewollt Schwanger…

Februar 2014:

Mir geht es nicht gut, ich habe nicht nur erfahren das ich Zwillinge erwarten werde, ich darf auch nicht mehr arbeiten, denn  ich leide an Hyperemesis Gravidarum. Und nicht nur das, ich habe bereits zwei mal Blutungen gehabt. Ich fühle mich bestraft. Und schmiede pläne. Natürlich werde ich einen Kaiserschnitt bekommen und stillen geht auch nicht, Twinpapa wird in Elternzeit gehen und ich wieder arbeiten. Ich liege den ganzen Monat im Krankenhaus. Ich möchte gern sterben. Ich suche auf FB nach anderen Betroffenen und finde sie, außerdem bin ich jetzt in einer Gruppe für vegane Schwangere, schadet ja nicht zu wissen worauf man achten muss.

Mai 2014:

Natürlich werde ich meine Kinder tragen. Tragetücher finde ich toll, meine Freundin Jess hat ihr Kind auch getragen, das finde ich cool. Aber ob das geht mit Zwillingen? Ich bin mir nicht sicher. Ich bin fast immer alleine, die Beziehung zum Twinpapa musste ich beenden. Es funktionierte nicht, er verstand nicht, was ich im Umgang mit den Kindern erwarte und kann es nicht mal bei dem großen umsetzen.

Wandlungen…

Juni 2014:

Dieser Sommer ist die Hölle, ich habe schlimme Wassereinlagerungen und Kreislaufprobleme. Meine Hebamme ist keine große Hilfe. Draußen ist es unerträglich für mich, ich verlasse die Wohnung nur noch abends. Gott sei Dank kann ich im nächsten Ort bist 24.00 Uhr einkaufen gehen. Tagsüber liege ich im Bett unter der Klimaanlage und vertreibe mir die Zeit mit Recherche. Ich habe in verschiedenen Gruppen tolle Frauen kennen gelernt. Außerdem habe ich etwas entdeckt das Attachment Parenting heißt. Das finde ich wahnsinnig interessant und auch einleuchtend. Da ich mich schon beruflich mit Pädagogik beschäftigt hatte erscheint mir das Konzept von AP, Unerzogen und GFK sehr natürlich und Intuitiv. Es fühlt sich richtig an, wie der Schlüßel zum Erfolg in Sachen selbstbewusste, empathische Kinder… Ich bin beigeistert und denke das ist super einfach.

Juli 2014:

Ich bin die Heldin im GVK, die anderen sind beeindruckt das ich meine Kinder spontan gebären will und das ich sie stillen und tragen möchte. Das ich all dies eigentlich abgelehnt habe bis ich schwanger wurde weiß keiner, es fühlt sich auch für mich sehr fern an. Auch einen Plan für eine selbstbestimmte, interventionsarme Geburt habe ich bereits. Leider ist es mir körperlich nicht mehr möglich, nach dem vierten Mal weiter  zum Kurs zu gehen, aber ich fühle mich trotzdem gut vorbereitet. Ich lese das Hypnobirthing-Buch und beschäftige mich mit dem Gebären allgemein. Ich habe ein deutliches Bild davon wie meine Geburt aussehen soll.

August 2014:

Nestbau ist angesagt. Ich habe lange überlegt und entschieden das ich Babybetten kaufen möchte. Irgendwann würden meine Kinder darin schlafen. Mein Bruder nimmt sich Urlaub und fährt mit mir zum Babyshopping zum Möbel- Schweden. Gemeinsam mit meinem besten baut er die Möbel auf während ich die Babywäsche wasche.

September 2014:

Es geht los, ich habe um Beendung der Schwangerschaft gebeten. Mir geht es so scheiße, ich kann nicht mehr warten. Bald wird eingeleitet werden, doch ich habe Glück und es geht von allein los. Obwohl ich so einen guten Plan habe, werden meine Wünsche ignoriert. Ich erlebe eine Geburt aus der Hölle, es gibt kein Bonding und kein sofortiges Stillen im Kreißsaal. Dafür gibts ne Not-Op, Neo-Intensiv und Blutkonserven. Nix ist geworden wie ich es will. Aber wir Leben.

Dezember 2014:

Ich zweifel an meinem Weg. Egal was ich tue, meine Grenzen sind fast erreicht. Ich tue wirklich alles für meine Kinder, doch es scheint nicht zu reichen. Auch ein Besuch beim Osteopathen hat keine Besserung gebracht. Ich kann es nicht ertragen. Willen brechen. Osteo-Ferbern. Obwohl ich früher dachte das ich mich über meine Kinder hinweg setezn muss. Ich freue mich auf die Feiertage bei meinen Eltern. Es ist die Hölle, die kleinen sind völlig überreizt. Angeblich ist meine Erziehung schuld, obwohl ich einfach nur meinem Instinkt folge. Meine Babys wohnen praktisch auf mir.

Januar 2015:

Das Knödelkind ist sehr krank, muss ins Krankenhaus. Ich stehe vor der schlimmsten Entscheidung überhaupt: Wer muss ohne mich auskommen? Gemeinsam mit dem Twinpapa entscheide ich, dass wir Knödel auf eigene Verantwortung wieder mitnehmen, seine Werte sind stabil. Ich hätte nie wählen können wer ohne mich auskommen muss. Wir gehen jeden Tag zum Arzt und lassen das Knödelbaby untersuchen, der Kinderarzt hat veranlasst das ich im Notfall mit beiden Kindern ins Krankenhaus aufgenommen werden kann. Es mag verantwortungslos erscheinen, doch ich habe mich dafür entschieden den bedürfnisorientierten Weg zu gehen und will nicht das einer von beiden Leiden muss, so lange ich die Verantwortung für eine Behandlung zu Hause tragen kann. Langsam aber sicher bessert sich das Zustand von Knödel. Alles wird gut.

April 2015:

Ich werde umziehen meinen Kindern zu Liebe, ich kann mich nicht mehr gut um ihre Bedürfnisse kümmern, meine eigenen kann ich nicht einmal mehr erspüren.

September 2015:

Wir haben das erste Jahr überlebt. Nicht immer habe ich so bedürfnisorientiert gehandelt wie ich es möchte, doch ich werde immer besser darin die Bedürfnisse meiner Kinder, von mir und meinen Mitmenschen zu erkennen und zu benennen. Ich habe ein paar Mädels kennen gelernt, die ähnlich ticken wie ich. Das freut mich.

Dezember 2015:

Ich werde wirklich das erste mal seit 2 Jahren ausgehen. Ich mache mir große Sorgen meine Kinder könnten das nicht gut verkraften, doch ich möchte auch endlich mal wieder meine Bedürfnisse pflegen, seit dem ich Kinder habe, habe ich nur für sie gelebt. Ich habe meine ganzen Ansichten auf den Kopf gestellt und vielen Menschen damit vor den Kopf gehauen. Ich versuche es gelassen zu nehmen.

Unklare Zukunft

Januar 2016:

Die Mädels und ich haben eine tiefe und ehrliche Freundschaft entwickelt, im Kontakt mit ihnen merke ich erst, wie sehr ich das Konzept von Attachment Parenting und GFK verinnerlicht habe, mehr sogar als ich je erwartet hätte. Ich bin quasi ein AP Handbuch geworden das bei jedem Konflikt versucht die einzelnen Bedürfnisse der argierenden Personen zu ergründen, ich schaue wie ich meine Ansichten gewaltfrei anbringen kann. Manchmal gelingt es mir ganz gut, doch gerade mit meinen Eltern scheitere ich oft. Sie wissen welche Knöpfe sie drücken müssen.

Ich überlege wie unsere Zukunft aussehen soll, ich habe bereits länger den Wunsch allumfassend für Mütter, Frauen mit Kinderwunsch, Schwangere, Kinder, Babys und Familien da zu sein. Doch wie soll ich das angehen?

März 2016:

Die Beziehung hat für mich einen immer höhren Stellenwert, ich kann ohne Probleme überall mit meinen Kindern hingehen, sie sind ausgeglichen und neugierig. Sie sind ein gutes Beispiel dafür das es richtig ist, seine Kinder nicht zu erziehen. Ich habe eine gute und spürbare Beziehung zu meinen Kindern aufgebaut, ich stille ihre Bedürfnisse immer noch so gut ich kann, doch manchmal sage ich auch stopp, jetzt bin ich dran. Ich begreife immer mehr den Wert der Kommunikation und verstehe das Erziehung und Beziehung nur ein paar kommunikative Nuancen weit auseinander liegen. Ich fühle mich angekommen, denn ich darf auch in Zukunft den Menschen den Wert von Beziehungen, Bedürfnissen und Kommunikation nahe bringen.

Abschließend:

Ich habe mich wirklich komplett verändert, zumindest in meiner Art zu kommunizieren und in meiner Einstellung zu Kindern, Babys und Geburten. Aus meiner Anti-Haltung heraus ist es mir gelungen das Beste aus mir heraus zu holen. Meine Kinder wecken das Beste in mir, denn ich stelle fest: Ich bin mehr als nur mein Job und die letze Party. Ich bin ein Mensch mit vielen Facetten und diese darf ich jetzt als Mutter voll ausleben. Nie habe ich gedacht das mich die Rolle als Mutter erfüllen könnte, mir Zufriedenheit schenken würde. Lange habe ich mit dem Schicksal Zwillinge gehardert, auch nach der Geburt, als die beiden kleinen Wesen untröstlich geschrien haben, fühlte ich mich oft bestraft, weil ich doch dachte ich würde alles richtig machen. Heute weiß ich viel mehr über Babys, Pädagogik und Geburten so das ich mich viel besser auf Babys einlassen kann, und natürlich auch auf meine Kinder. Ich habe gelernt zu verstehen das Babys das überbleibsel der Evolution sind. Sie werden es vermutlich auch für immer sein. Steinzeitbabys und Kinder. Sie können nicht anders sein als sie sind, aber das ist okay.

Ich bin all das was ich nie sein wollte, doch ich bin sehr glücklich und es erfüllt mich mit Stolz sagen zu können:

“ Ich bin Ela, meine Kinder sind 18 Monate alt, ich habe sie spontan geboren, wir stillen immer noch und wir schlafen zusammen im Familienbett. Ich trage meine Kinder an meinem Körper durch das Leben wann immer sie diese Nähe benötigen und einfordern. Ich lasse meine Kinder auch jetzt nicht schreien, obwohl ich scheißen müde bin und mir wünsche endlich mehr wie 4-5 Stunden pro Nacht zu schlafen. Mein Küchenboden sieht seit 10 Monaten aus wie das Buffet eines Hotels, aber meine Kinder lieben es selber zu essen und taten es von Anfang an, und sie essen fast alles.

Ich nehme finanzielle Einbusen in Kauf um meine Kinder mindestens bis zu ihrem dritten Lebensjahr zu hause betreuen zu können. Und gebe sie so selten wie möglich, so häufig wie nötig ab um mal für mich sein zu können. In meinen geliebten Job werde ich nicht mehr zurück gehen, die Zeit mit meiner Familie ist wertvoller als ein dickes Konto“

Ich bin ein Muttertier und stolz drauf. Meine Geschichte erklärt deutlich warum ich das Zitat von von le Fort wählte. Ich wurde durch die Geburt meiner Kinder zur Mutter, nicht nur körperlich auf emotional. Meine Kinder schenkten mir das Leben als Mutter, ich schenkte ihnen das Leben als unschuldige kleine Babys. Wir sind gemeinsam geboren worden, wir werden gemeinsam wachsen. In Liebe und Geborgenheit.

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13 Gedanken zu “Wie ich Muttertier wurde… Teil 2

  1. Hallo Ela,
    Es ist wirklich schön und bewegend deine Geschichte zu lesen!
    Mein Sohn ist jetzt acht Monate alt und auch ich habe mich für den Weg des AP entschieden.
    Hast du Lektüre die du diesbezüglich empfehlen kannst?
    Liebe Grüße,
    Franzi – Undjetztfamilie

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    • Ich empfehle dir mal die Blogs von guten Eltern, geborgen wachsen, gewünschtes Wunschkind usw ans Herz legen. Dort finden sich auch weiter führende Autoren und links

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  2. Hallo Ela, ich habe Gänsehaut und Tränen in den Augen. Als ich das alles las dachte ich ich lese über meine Geschichte. Hast alles genauso erlebt wie wir. Ich kann doch so gut nachvollziehen. Jedes Wort. Ich wünsche dir viel Kraft und vor allem eine schöne Zeit. Sie geht so schnell um. Liebste Grüße

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