Leinen los! Oder doch nicht?

Es gibt ja schon sehr kontroverse Themen wenn es um hilfreiche Accessiores für Eltern geht. Bei manchen ist der Tenor eindeutig: Das ist Mist, das braucht man nicht.

Doch beim Thema „Leine für Kleinkinder“ gibt es offenbar nur die pro oder contra Seite, die wenigsten Eltern haben keine Meinung zu dem Thema. Ich habe auch eine und die teile ich euch jetzt mit einer kleinen Begebenheit vom Wochenende mit.

Am Samstag stand ein lang ersehntes Highlight der Elternschaft an: Wir würden die ersten Schuhe für die Twins kaufen. Alle zusammen. Wir starteten mit einem gemütlichen Frühstück und fuhren dann in die Stadt. Bei der Gelegenheit sollte auch der Bonus-Teenager ein paar neue Kleider bekommen ( unglaublich, vor 2 jahren war er 10 cm kleiner als ich es bin, jetzt ist er 10 cm größer).

Wir starteten in einer recht bekannten größeren Schuhgeschäftskette. Motti fand es grandios, überall Schuhe. Sie machte sich direkt ran und holte alles mögliche aus dem Regal, ihre endgültige Wahl fiel auf ein paar schwarze Nikes mit pinken Effekten. Knödel ging hier leer aus. Da wir die beiden aus dem Wagen nahmen, hatten wir jetzt ein Problem, sie wollten nicht wieder rein. Daher entschieden wir, sie einfach laufen zu lassen, da die nächste Station unserer Shoppingtour nicht weit entfernt war.

Motti lief ungefähr 2 Meter an der Hand, danach geriet sie auf abwege, lief links herum, lief rechts herum, vor Twinpapa, hinter Twinpapa. So ging das nicht. Also nahm der Papa sie kurzer Hand auf den Arm. Wurde dann für den Moment akzeptiert. Knödel verweigerte die Hand, blieb einfach stehen, lief kreuz und quer über den Weg und zack war er weg. Immer stramm Richtung Wochenmarkt. Also musste auch er die letzten Meter auf dem Arm zurück legen. Im zweiten Shop sollte Bonus-Teenager ein paar neue Hosen bekommen. Ich suchte mit P aus, Twinpapa kümmerte sich um die kleinen. Doch dann war er einen Moment unaufmerksam, da Knödel gefallen war und weinte. Und zack, Motti weg, sie hatte sich kurzerhand einem Pärchen beim Shopping angeschloßen. So funktionierte das nicht. Trage und Tuch wurden verweigert. Gott sei Dank gelang es uns dann doch, die kleinen zu einer Pause im Kinderwagen zu überreden. Nächster Halt: Bäckerei. Mama braucht jetzt dringend nen Kaffee. Die kleinen bekamen ein Brötchen und etwas Saft und waren zunächst besänftigt. Nach der Kaffeepause wurde wieder gemeutert, also wieder raus aus dem Wagen, nächste Station Schuhgeschäft 2. Knödel zerlegte die Inneneinrichtung, Motti sortierte wieder Schuhe. Wir wurden fündig, die kleinen waren endlich müde, also ab in den Wagen und ab nach Hause. Ich war fix und fertig. Ich hätte ohne Twinpapa und Bonus-Teenager keine Chance gehabt die Twins unter Kontrolle zu halten, sie nicht zu verlieren oder sie vor potenzieller Gefahr zu schützen.

Ich gebe zu, eine Kinderleine wäre echt die Rettung gewesen. Die gibt es ja schon in ganz neckisch gemacht und als Rucksack getarnt. Doch ich zögere. Denn, so wird oft suggeriert, ist die Leine das öffentliche Zeichen für elterliches Versagen. Denn Eltern die diese Hilfe für sich und ihre Kinder nutzen werden als bequem angesehen, man wirft ihnen vor ihren Kindern die Freiheit zu berauben und sie zu demütigen, Kinder würden wie Hunde behandelt, die Eltern würden ihre Macht missbrauchen. Das ganze basiert auf rein subjektiven Empfindungen derer, die keine Notwendigkeit verspüren sich über das verwenden einer Leine Gedanken zu machen.

Ja, es mag bequem sein zu wissen das das eigene Kind nur einen gewissen Bewegungsradius hat, zu wissen das es immer ein kleines bisschen extra Sicherheit besteht. Aber: was ist daran falsch? Entspannte Eltern, entspannte Kinder. Nicht mehr und nicht weniger.

Freiheitsberaubung? Im Ernst mal, das ist doch ein bescheuertes Argument. Ein Kind das an der Hand gehalten wird hat genauso wenig, nein sogar weniger freien Bewegungsradius als ein Kind an der Leine, darüber hinaus wäre für einige Mütter und Väter diese Position extrem unbequem und auch für den Laufling ist die Haltung des Armes alles andere als langfristig angenehm. Ein Kind im Tragetuch oder Kinderwagen haben genau null Bewegungsradius und sind vollkommen fremdbestimmt bei den Wegen die genommen werden, sie können nicht erkunden und entdecken. Sie sind in die passive Postion des beobachtens gezwungen. Vielen Kindern im Lauflater reicht das aber nicht.

Demütigend? Hmmm, ich weiß nicht in wie weit Kinder in dem Alter wirklich ein Gefühl dafür haben, dass das tragen einer Leine nicht der gesellschaftliche Standard ist. Ich denke eher das man als Erwachsener das Gefühl hätte gedemütigt zu werden wenn man eine Leine tragen würde. Kindern, zumindest meinen, wäre es wahrscheinlich egal, hauptsache sie können sich frei bewegen und entdecken.

Das Kinder wie Hunde behandelt werden ist ein seltsames Argument, was denken diese Menschen eigentlich warum ein Hund eine Leine trägt? Hallo? Bei einem Hund ist eine Leine auch mehr Eigen- und Fremdschutz, genau wie es bei einem Kind wäre.

Das Thema elterlicher Machtmissbrauch ist an dieser Stelle eins, das man bestimmt nicht unter den Tisch fallen lassen kann, doch ich kenne keine Mütter oder Väter die sich als Machthaber über ihr Kind stellen, viel mehr sind die Eltern die ich kenne Begleiter ihrer Kinder, und alle haben den Wunsch der größtmöglichen Sicherheit und Unversehrtheit ihres Nachwuchses. Ich frage mich auch wie dieser Machtmissbrauch aussehen würde? Reißen und Zerren an der Leine? Das Kind vorm Supermarkt am Fahrradständer angebunden weil es sich schlecht benommen hat vor dem einkaufen? Ich kann es mir nicht vorstellen, ich kann nicht glauben das Eltern so handeln. Allerdings würden diese Menschen auch ihren Hund an der Leine mies behandeln. hmmm.

Ich bin tatsächlich im Zwiespalt. Auf der einen Seite sehe ich gerade als alleinerziehende Mama von Zwillingen die Vorteile einer solchen Anschaffung, auch weil die Kinder hier wo wir wohnen gar nicht frei rum laufen könnnen, da wir an einer stark befahrenen Straße ohne Gehwege Wohnen und direkt daneben liegt ein sehr tiefer und breiter Kanal mit starker Strömung zur Schleuse. Alles völlig ungesichert. Und immer dann, wenn ich mit den Twins am Kanal entlang gehe, habe ich das Bild des Nachbarkindes aus der Siedlung früher im Kopf. Sie ist unbemerkt beim spielen in den Kanal gefallen. Sie hat es überlebt, aber ihr Leben ist nicht mehr das gleiche, sie hat schwerste cerebrale Schäden davon getragen, sie war noch so klein… Das ist schon viele Jahre her, aber diese Bilder sind immer noch da. Und sie sind noch präsenter nachdem ich sie und ihre Mutter beim einkaufen sah. Die Angst ist also groß.

Auf der anderen Seite widerstrebt es mir sehr, meinen Kindern ihre Freiheit zu begrenzen, doch sie sind in einem Alter in dem ihr Kooperationswille weniger stark ausgeprägt ist als ihr Entdeckungsdrang. Das heißt, Kooperation in gefährlichen Situationen kann ich nicht erwarten.

Derzeit habe ich noch keine endgültige Meinung oder Entscheidung zum Thema Kind an der Leine, doch ich sehe durchaus warum sich manche Eltern dafür entscheiden. Es liegt mir fern diese Entscheidung zu werten, denn ich weiß nicht welche Erfahrungen sie machten oder welches Temperament das Kind dieser Eltern hat.

Sollte ich mich dafür entscheiden, so wäre es kein dauerhafter Nutzgegenstand, ich würde ihn vermutlich nur da einsetzen wo echte Gefahr droht oder wo die Situation 2:1 zu unübersichtlich wird.

Wie steht ihr dazu? Und warum?

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12 Gedanken zu “Leinen los! Oder doch nicht?

  1. Ich habe für die Große damals, weil sie so gar nicht hörte, immer abhaute und machte, was SIE will, so einen Rucksack und eine Leine gekauft, die man ans Handgelenk macht.
    Einmal, um uns diesen Stress zu ersparen, statt einzukaufen ständig hinter ihr herrennen zu müssen(ähm,uns?Mir.Wer auch sonst durfte einkaufen.Und nach dem Kind sehen…).Aber andererseits auch aus Angst, dass sie in der Einkaufsstraße der Großstadt auf einmal weg ist!
    Wir haben in einem Wildpark mit ihr mal einen Test gemacht(da war sie etwas über ein Jahr):Sie war wieder einmal dort hingelaufen, wo SIE hinwollte, und nicht, wo wir waren. Also sind wir weitergegangen. Da wäre es ja eigentlich schon bei den meisten Kindern so gewesen, dass sie weinend hinter ihren Eltern hergelaufen wären. Nichts. Wir haben uns hinter einem dicken Baum versteckt…Nichts. Sie ist fröhlich vor sich hin gelaufen. Wohl immer in dem festen Vertrauen, die haben mich im Blick und finden mich schon wieder!
    Dort im lichten Wald, ohne Unterholz und keine anderen Besucher großartig, wäre es auch kein Problem gewesen. Aber wie schnell passiert sowas im Gedränge der Großstadt?
    Letztendlich habe ich den Rucksack nie genutzt; als ich ihn einmal zu Hause ausprobiert habe, hat sie so einen Aufstand gemacht und sich wie ein zwangsangeleintes Tier gewunden, das wäre gar nicht gegangen.
    Die Handleine habe ich nie ausgepackt, hätte es wohl dasselbe Drama gegeben.
    Wenn mit Kids in die Stadt, nie alleine(am besten mit Oma+Opa, das sind gleich VIER Augen mehr). Meistens fahre ich jedoch komplett ohne. Schuhe kaufen nur mit einem Kind. Auf den Stress hab ich keinen Nerv mehr.

    Mal sehen, wie lange es noch dauert, bis es mit der Großen(jetzt 4,5) endlich funktioniert.
    Traurig, aber wahr.
    Man könnte sagen, „Die hat ihre Kinder nicht im Griff, in dem Alter noch solche Probleme!“. Die eineinhalb Jahre jüngere Schwester hat da aber nie Probleme gemacht. Scheint wohl doch nicht alles falsch zu laufen.

    Also wenn Du noch nen Rucksack brauchst: bei mir verstaubt er 😉

    LG Silke

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    • Motti ist auch so, die geht mit jedem mit. Falls wir bedarf haben schreibe ich dir. Ich denke es ist wirklich ne frage des temperamentes der kids

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  2. Wir haben für unsere Zwillinge auch Leinen Rucksäcke von golbug. Die kurze liebt ihre Eule und oft trägt sie die auch zu hause.
    Gerade in kritischen Situationen helfen due ungemein. Schwiegereltern nehmen sie ab uns zu auch mit, als Sicherheit.
    So schnell wie ein Zwilling los spurtet und der andere sich weigert, kommt selbst ein wirklich fitter Mensch nicht hinterher.
    Wenn ich alleine an kritischen Punkte n mit den Zwergen bin, benutze ich auch iimmer mal wieder die Leinen.
    Und bisher gab es noch keine negativen Kommentare, nur poairive.

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  3. Hallo
    Jeder sollte es für sich entscheiden und das für und wieder genau überdenken. Denn man muss sich mit der Entscheidung wohl und sicher fühlen.
    Wir nutzen keine Leinen, haben es kurz in Erwägung gezogen und verworfen. Ok, wir sind nicht allein(erziehend), dennoch hat jeder für sich seine Methode entwickelt. Da wir beide (Papa und ich) Teilzeit Eltern sind und selten gemeinsam einkaufen, spazieren oder ähnliches tun, hätte es keinen Sinn gehabt, wenn einer die Leine nutzt, der andere nicht.
    Seit die Jungs sicher allein laufen, war der Kinderwagen dass Hassobjekt der beiden. Jeder Gang irgendwohin wurde zum Spießrutenlauf. Papa löste es in dem er Fahrrad und Anhänger oder Bollerwagen nutzte, ich war einfach konsequent und habe sie motzen lassen und dann aber immer laufen lassen, wenn es „sicher“ war. Zudem habe ich das „Zwillinge geben sich die Hand“ eingeführt, wenn es nur eine kurze kritische Strecke zwischen drin gab. So konnten sie nicht in unterschiedliche Richtungen. Wurde dieses oder jenes nicht befolgt, kamen sie wieder in den Wagen, egal wie sehr gebockt wurde. Aber eigentlich stand der Kinderwagen ab 18 Monaten nur rum und ich nutzte auch mehr den Bollerwagen. Klappt heute auch sehe gut (fast 2)
    Wenn wir zu viert unterwegs sind, merke ich oft, dass ich viel strenger bin als meine Mann. Er lässt die Jungs rennen uns rennt hinterher. Oft genug verdrehe ich die Augen oder halte sie mir zu, weil ich manches nicht sehen will uns kann. Und wenn es mir zu bunt wird, sage ich das auch und die Kinder merken genau, dass die Grenzen erreicht sind.
    Leinen wären oft toll gewesen, wenn man sich mal unterhalten will, weil man unterwegs jemanden trifft. Wenn man nur schnell eine Kleinigkeit im laden holen will und keine Marke für den Wagen zur Hand hat…. Aber wie mit vielem anderen auch,schön wenn man es hätte und wenn man es hat, nutzt man es auch?
    Finde deinen Beitrag toll, er regt zum nachdenken an ohne zu beeinflussen und zeigt auf, dass es nicht nur Situationsbedingt ist, sondern man auch das einzelne Kind und dessen Charakter, genauso wie die Umwelt und mögliche Gefahren bei der Entscheidung berücksichtigt werden müssen. Vielleicht kam uns das auf dem Dorf am Arsch der Welt, nur ein jähzirniges, extrem willensstarkes Kind zu haben und dass wir zu zweit dennoch völlig jeweils uns selbst überlassen sind. Wir mussten die Entscheidung dennoch gemeinsam fällen und vielleicht wäre sie anders ausgefallen, wenn es ihm oder mir dir ähnlich gehen würde.
    Tu das, was du für richtig hälst. Die bist die Mama, die ihr Kinder am beste kennt und allein verantwortlich ist, dass sie sicher sind und es ihnen gut geht. Egal wie und was andere über deine Entscheidung denken.
    LG melli

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    • Vielen Dank für dein tolles Feedback, die Option das die Twins sich gegenseitig halten habe ich gar nicht im sinn gehabt, das werde ich probieren. Ich bin wirklich hin und her gerissen in der Sache weil ich eigentlich auch denke das sie es sonst wohl nie lernen werden. Mal sehen wie es wird. Das Thema ist auf jeden Fall noch nicht vom Tisch 🙂

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  4. ich wurde früher mit diesem typischen brustgeschirr am hochstuhl festgebunden, es war einfach sicherer für mich 🙂 ich habe es seelisch auch gut verkraftet und bin niemandem böse. es musste nunmal sein und ich lache heute drüber. deswegen würde ich total zu der leine tendieren.

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    • Wobei das für mich wieder zwei unterschiedliche paar Schuhe darstellt. Ich habe auch zwei kletterkinder, wenn sie anfangen zu klettern setze ich sie runter. Sie können später immer noch was essen

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  5. Puh das ist echt schwierig. Ich würde das für meinen nicht wollen, auch wenns einfacher wäre. Ich muss aber auch sagen, dass ich ihn z Bsp beim einkaufen lieber in den Wagen setzte und zehn Minuten schreiendes Baby aushalte als ihn da frei rum toben zu lassen 😀

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  6. Ich finde diese Leinen jetzt auch nicht so schlimm.
    Es kommt halt drauf an wie sie benutzt werden. Man sollte das Kind nicht anbinden, um in Ruhe nen Kaffee zu trinken, eine zu rauchen und zu quatschen.
    Für gefährliche oder unübersichtliche Situation oder auch unerfahrene Aufsichtspersonen finde ich sie sinnvoll.
    Bei Zwillingen umso mehr!

    Lg kaya

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